Beitrag zur Visitation von Thomas Schaffert

Persönliche Positionsbestimmung zur Geschichte, Gegenwart und Zukunft der KIG

(Anlass: Tod der Gründerin, Kontaktaufnahme mit früheren Mitgliedern und Verantwortlichen)

  1. eigene Kurzbiografie
  2. Beweggründe für meinen Eintritt
  3. negative Erfahrungen
  4. Beweggründe für mein Ausscheiden
  5. persönliche Empfehlungen
1. Eine Kurzbiografie (Gedächtnisprotokoll)
  • geboren 1956 als Sohn eines Dorfschullehrers in einer Einrichtung der lnneren Mission (Herzogsägmühler Heime, dort aufgewachsen bis zum Abitur am Gymnasium Schongau 1976
  • Kernfamilie überwiegend evangelisch / ökumenisch orientiert
  • ab 14 Leiter einer katholischen Jugendgruppe mit spiritueller Orientierung ,,Fokolarini“
  • Psychologiestudium ab 1976 in Gießen, dort aktiv in der Katholischen Hochschulgemeinde,
  • Mitgründer einer Wohngemeinschaft auf der Suche nach alternativen christl. Lebensformen
  • Erstbegegnung mit der KIG: ,,Urfelder Woche“ 1977,,,Wangener Sommerakademie“ 1978
  • Einzug 1979 in einem lntegrationshaus in München -,,Fallberichte“ über psychosozialeAktivitäten der KIG parallel zum Psychologiestudium (LMU)?
  • nach Psychologie-Diplom (1982) Zivildienst im Günter-Stöhr-Gymnasium, Konversion
  • Erwachsenen-Firmung 1987 durch Kardinal Wetter in München. Firmpate: Arnold Stötzel
  • 8 Jahre ,,Jugenddiakonat“ (bis über 30 J.): Verzicht auf Partner, Fokus auf KIG + Ausbildung
  • während Zweitstudium für Lehramt an Hauptschulen (Hauptfach Musik) Tätigkeit als Erzieher an der Reinhard-Wallbrecher-Schule (RWS, 1984- 1988)
  • nach Referendarzeit (VS Utting) u. 2. Staatsexamen Freistellung für Schuldienst an der RWS
  • Mitarbeit beim Aufbau der Günther-Krasnitzky-Schule in Walchensee (ca. 1990)
  • insgesamt 4-jährige Mitarbeit in Melela und Morogoro (Tansania) zwischen 1993 und 1997 (dafür Ausscheiden aus dem Staatsdienst)
  • Tätigkeit als Lehrer und Erzieher an der RWS, Mitarbeit in St. Anna / Kochel 1997-1999
  • Verlobung mit XY bei Gemeindefest in Wolfesing (1998)
  • Auflösung der Verlobung (1999), Entlassung aus der Anstellung beim Schulverein, Auszug aus lntegrationshaus, Suche nach Einzelwohnung, befristete Anstellung beim Staat (VS Planegg)
  • Teilnahme als ,,Freund der Gemeinde“ in der Gruppierung Warnberg bis 2001
  • Kritik am Kollektiv-Ausschluss der Familie Z, daraufhin eigener Ausschluss (2002)
  • seit 2002 Wohnung in Planegg bzw. Krailling, Rückkehr in den Staatsdienst: Stammschule GS Planegg; beruflicher, zwischenmenschlicher und wirtschaftlicher Neustart fast vom Nullpunkt
  • Mitarbeit in der Pfarrgemeinde St. Elisabeth Planegg (Kantor, Kirchenchor, musikalische Jugendarbeit)
  • seit 2004 Leitung der Musikschule Planegg-Krailling e.V., Engagement in der kommunalen Kulturarbeit, Vorstandsmitglied bei Musica Sacra Planegg-Krailling e.V.
  • Eheschließung mit Ursula Kreis (2014)
2. Beweggründe für meinen Eintritt:
  • glaubwürdige Relevanz des Christentums innerhalb der modernen, säkularen Gesellschaft
  • Modell für eine tiefgreifende, überzeugende, ökumenische, zukunftsfähige Kirchenreform
  • Synthese von christlicher Spiritualität (,,Sonntag“) und konkreter Lebenspraxis (,,Alltag“)
  • Mehrwert der kommunitären Lebensform gegenüber individueller Vereinzelung
  • Integration aller Lebensbereiche (Kultur, Wirtschaft, Pädagogik, Medizin)
  • die faszinierende Brisanz dieser Synthese war für mich in hunderten von Arbeitseinsätzen, Versammlungen und vor allem in den Festen als Gesamtkunstwerken existentiell präsent
3. Negative Erfahrungen:

Inkonsistenz

Ich habe z.B. innerhalb von 25 Jahren in ca. 35 verschiedenen Häusern gewohnt. Die Teilgemeinden / Gruppierungen wurden in dieser Zeit etwa ein Dutzend mal neu definiert. Die möglichen Formen der Zugehörigkeit vom Gast, Freund, Katechumenen, Jugenddiakon, Angehörigen, Mitglied der Versammlung,  Mitglied im Leitungsteam usw. wechselten gefühlt etwa jährlich. Eine funktionsfähige Binnenstruktur konnte sich in meinen Augen darauf kaum aufbauen.

Hierarchie

Die Gründerin empfand sich nach meiner Auffassung als kompetent – sowohl zuständig wie fähig – für die Regelung aller Belange auf allen Gebieten und allen Ebenen bis hin zu intimsten Lebensfragen des Einzelnen. Mit zunehmendem Wachstum der KIG stützte sie sich meines Wissens nach auf einen Mitarbeiterstab, der aber seinerseits völlig weisungsgebunden blieb.

Intransparenz

Nach meiner Erfahrung wurden Beschlüsse oft von der Gesamtleitung oder der Synode / dem Kapitel gefasst und der Mitgliederversammlung anschließend als fertiges Ergebnis mitgeteilt. Abweichende Auffassungen, Zweifel oder Kritikpunkte wurden, soweit ich es erlebt habe, als Beweis für mangelnde Identifikation / fehlendes Vertrauen gewertet, was eine Rückstufung zum Angehörigen oder Freund, im Extremfall auch zum totalen Ausschluss bzw. zur Einschätzung als Feind oder zur aktiven Ehetrennung führte.

Fremdbestimmung 

Die Praxis der Allzuständigkeit der Gesamtleitung führte bei mir und einigen weiteren Mitgliedern zu einer mangelnden Übernahme von Eigenverantwortung und zu passivem Warten auf Befehlsempfang. lch hatte mich z.B. – weisungsgemäß – als Zweitstudium beim Konservatorium in München angemeldet. Bei der Aufnahmeprüfung fragte die Jury nach meinem Klavierbegleiter.  lch hatte keinen, da ich davon ausgegangen war, dass alles schon von ,,der Gemeinde“ geregelt worden sei. – Ich erinnere mich, wie ich in meiner Verlobungszeit einmal von meiner ,,lntegrationsmutter“ im Auftrag der Tölzer Zentrale wegen gemeldeter Zärtlichkeiten mit meiner Verlobten gerügt wurde – welche mir wohlgemerkt mit 42 Jahren entgegen meiner eigenen Empfindung von eben dieser Zentrale vorgeschlagen worden war, während mich dieselbe Zentrale einige Zeit später vor die Alternative stellte, mich von eben dieser – im Glaubensgehorsam angenommenen – Verlobten wieder zu trennen oder meine Mitgliedschaft innerhalb der KIG aufzugeben.

Alleinvertretungsanspruch

Dem Führungsmonopol der Zentrale nach innen schien mir die für mich gefühlte Selbstüberschätzung nach außen zu entsprechen, die einzig wahre Erneuerungsbewegung innerhalb der Kirche zu sein: Potentielle Kooperationspartner wurden dem Expansionskonzept der KIG unterworfen – so meines Erachtens der visionäre tansanische Bischof Christopher Mwoleka, der zwar in der KIG zunächst sein Lebensziel gefunden hatte, in der Folge aber komplett marginalisiert worden war, statt die Federführung für das Gemeinschaftsprojekt in seinem eigenen Land zu erhalten.

Rechtlich-wirtschaftliche Naivität

Ich habe z.B. über 100 000 DM an ,,Vorhalteleistungen“ eingezahlt durch Lohnverzicht bzw. Kreditrückzahlung von 45 000 DM für das Gemeindezentrum Villa Cavalletti bei Rom, ohne die geringste vertragliche Absicherung darüber zu erhalten.

4. Beweggründe für mein Ausscheiden
  • Obwohl ich 1999 innerhalb einer Woche sowohl meine Verlobung wie meine Stelle wie meinen Wohnplatz verloren hatte, blieb ich bis 2001 völlig loyal (oder unterwürfig) und suchte die Ursache für Unstimmigkeiten allein in meinem eigenen mangelnden Glauben, Demut, Hingabebereitschaft.
  • Dass etwas im Führungszirkel nicht stimmt, erahnte ich spätestens beim Fest in Cavalletti ,,KlG 50 Jahre unterwegs“, das trotz intensiver Vorbereitungen verspätet und improvisiert eröffnet wurde, da es offenbar soeben interne Differenzen gegeben hatte.
  • Dass die Gemeindeleitung auch für mein Gefühl unmögliche Anlässe und Konstellationen für die eigene Selbstdarstellung nutzte, etwa die öffentliche Feier des 80. Geburtstags des Architekten Alexander v. Branca in der Kurhalle Bad Tölz zu einer Diashow über die Gemeindegeschichte; als ich miterlebte, wie die Gründerin die Generalprobe des Orchesters durch ihren spontanen Monolog beendet und alle Vorbereitungsarbeit somit zunichte gemacht hatte, doch auf der Heimfahrt ein anderes Gemeindemitglied zu mir sagte, ich solle unser kritisches Zwiegespräch darüber unbedingt für mich behalten, weil er sonst böse Folgen für sich befürchtete.
  • Als 2001 zwei vermutlich zu eigenständig denkfähigen Gemeindemitglieder durch die Gesamtleitung ausgeschlossen und alle Familienmitglieder ultimativ aufgefordert wurden, sich von ihren eigenen engsten Angehörigen zu distanzieren, was eindeutig gegen die geltenden, kirchlich approbierten Statuten verstieß, die dafür eine öffentliche Aussprache und einen Mehrheitsbeschluss der Vollversammlung zur Bedingung machen, war für mein Gewissen die Pflicht zum Widerstand gegeben, noch dazu, wo, wie ich sah, versucht wurde, die Hauptschuld am Selbstmord von NN einseitig einer Familie in die Schuhe zu schieben. lch solidarisierte mich mit dieser – und wurde daraufhin ebenfalls dazu aufgefordert, es sei besser, mich künftig von der KIG fernzuhalten. Daraufhin sagten alle meine ehemals besten Freunde meine Einladung zu meinem Einstand in Planegg bzw. Geburtstag ab. Einer davon hatte vorher noch geantwortet, er müsse erst ,,in Tölz nachfragen“. – XY schien sein kritischer Osterbrief 2002 übel genommen worden zu sein und er wandte sich hilfesuchend an mich, nachdem die KIG-Leitung seine Frau zur Trennung aufgefordert hatte. lch hörte ihm lange zu, besuchte ihn in seiner Single-Höhle, gab ihm von meinem Ersparten und gewährte ihm für die Dauer seiner Fahrt in die Heimat meinem Briefkasten als Postadresse. Später wurde ich dafür von der Gesamtleitung als Hauptschuldiger an seinem Selbstmordversuch identifiziert.
5. Persönliche Empfehlungen
  1. Auch charismatische Gründungs- und Führungspersönlichkeiten benötigen ein Korrektiv durch Gremien, die von der aktiven Mitglieder-Basis für definierte Perioden gewählt werden.
  2. Die Eigenverantwortung, Entscheidungskompetenz und Gewissensfreiheit jedes einzelnen Mitglieds bleibt unantastbar und unersetzbar.
  3. Die gewünschte Konkretisierung des ,,überweltlichen“, ,,göttlichen“ Willens darf niemals für die Herrschaft von Menschen über Menschen missbraucht werden.
  4. Vereinbarungen, die in existentielle Grundlagen von Lebensraum, Beruf, Eigentum, Gemeinschaftszugehörigkeit usw. eingreifen, bedürfen einer einvernehmlichen schriftlichen Festlegung.
  5. Jede ideelle Bewegung kann sich nur als (kleiner) Bestandteil eines umfassenden Ganzen verstehen. Selbstrelativierung und ökumenische / interreligöse Gleichachtung / Kooperationsbereitschaft sind meines Erachtens absolute Daseinsvoraussetzungen für jede christliche Gemeinschaft. Eine totale Selbstauflösung der KIG in die Ortpfarreien hinein würde der Kirche jedoch deren Vorbildfunktion als arbeitsteilig kooperierende Alternative rauben – ein schwerer Schaden in ihrer aktuellen Krise.
6. Möglichkeiten und Hoffnungen
  • ein zusammenfassender Erfahrungsbericht an die diözesane Kirchenleitung und die Führung der KIG, die sich leider an dem Austausch dieser Wiederbegegnung nicht beteiligt hat
  • weitere Wiederbegegnungen, die auch weitere Betroffene mit einschließen, die bei diesem ersten lnitiativtreffen noch nicht persönlich mitbeteiligt waren
  • eine Aufforderung der Bischöfe, welche die Statuten der KIG für ihre Diözese errichtet haben, an die jetzigen Verantwortungsträger, die künftige Nutzung des gemeinschaftlich erarbeiteten Vermögens der KIG offenzulegen und über finanzielle Fakten weit hinaus Wege zu einer Wiedergutmachung bzw. Versöhnung gegenüber allen zwischenzeitlich ausgegrenzten ehemaligen Mitgeschwistern vorzubereiten
  • ein (durchaus heterogener und subjektiver) Erfahrungsbericht über Chancen und Gefahren in der Gründung und Führung einer kirchlichen Laienbewegung, der kommenden Initiativen von Nutzen sein kann

 

Thomas Schaffert

 

Beitrag geschrieben zur 2. Begegnung ,,Wege der Versöhnung“ im Exerzitienhaus Fürstenried am 04.12.2016.  Später eingereicht als Beitrag zum Antrag an das Erzbistum München/Freising die KIG betreffend im Feb.2018.

Anonymisierte, gekürzte und leicht geänderte Fassung vom 11.10.2021

 

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