Theologie und Theologen

Die Theologie

Bereits 1967 schrieb die Gruppe, aus der die IG entstand, auf Plakate einen Satz Karl Rahners: „Wo bleibt das Experiment im deutschen Katholizismus?[1] Dieses Selbstverständnis, das „Experiment Gottes mit der Kirche“ zu sein, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der IG.

Oft wurde das kirchliche Versagen, den Holocaust nicht verhindert zu haben, als wichtiger Beweggrund, die IG zu gründen, aufgeführt. So war die Auseinandersetzung mit dem Judentum stets ein gewichtiger Schwerpunkt der theologischen Arbeit in der IG.

Einen dritten, sehr entscheidenden Aspekt zeigt bereits der Name des von ehemaligen Gemeindemitgliedern betriebenen Stiftungslehrstuhls auf: „Theologie des Volkes Gottes“. Im Profil des Lehrstuhls wird erklärt, dass diese Theologie sich als „Erfahrungswissenschaft“ (C.S. Lewis) versteht: „sie geht aus dem Leben von Glaubenden hervor und zielt auf eine Erneuerung des Volkes Gottes.“[2] Diese Theologie will Vernunft und Glauben auf der Basis des modernen Weltbildes miteinander verbinden. Dazu arbeitet sie „in einer Zusammenschau der verschiedenen theologischen Disziplinen.“[3] Die eigenen Erfahrungen der IG sollten mit den neutestamentlichen Berichten der Urchristen und den alttestamentarischen Erlebnissen des „Volkes Gottes“ „strukturkongruent“, also in einer deckungsgleichen Struktur verstanden und ausgelegt werden. Im „hier und jetzt“ der IG sollte dadurch auf Grundlage biblischer Erfahrungsberichte Gottes Wille erkannt und umgesetzt werden. Wichtige Themen waren z.B.: die „Neue Familie“, die „Integration“, die Erfahrung der Gemeindeversammlung, die Praxis der Eucharistiefeier oder das Ideal der Besitzlosigkeit.

Der damalige Erzbischof von München und Freising Ratzinger anerkannte die IG im Jahre 1978 kirchlich. Der heutige emeritierte Benedikt XVI. stand über Jahrzehnte im Kontakt mit der IG und galt über Jahrzehnte als Protektor und Förderer der IG. Die „Herder Korrespondenz“ sprach 2020 mit ihm. Demnach wollte der emeritierte Papst Benedikt XVI die IG „auf deren Rechtgläubigkeit hin [..] begleiten.[4] „Dass bei dem Versuch, die Dinge des täglichen Lebens integral vom Glauben her zu gestalten, [..] auch schreckliche Entstellungen des Glaubens möglich waren[5], sei ihm nicht gleich bewusst geworden. Zutiefst bedauere er, „dass so der Eindruck entstehen konnte, alle Aktivitäten der Gemeinde seien vom Erzbischof gebilligt.“[6] Diese Distanzierung kam überraschend und erregte einige mediale Aufmerksamkeit.

Was sagt der Visitationsbericht dazu?[7]

Kurz nach Benedikts Distanzierung wurde der Visitationsbericht der Erzdiözese München und Freising veröffentlicht. Hinweise zur Theologie in der IG finden sich unter der Bezeichnung „Instrumentalisierung theologischer Erkenntnisse“. Um das „spezifische Sendungsbewusstsein der KIG“ zu legitimieren, wurden demnach „sowohl biblische Texte als auch dogmatische Aussagen und liturgische Formen“ entsprechend „ausgelegt und zugeschnitten“. Dazu nutzte die IG die „Mitgliedschaft namhafter Theologen für sich“. Das „Fazit“ des Visitationsberichtes fasst zusammen, dass „sich die Grundprobleme der KIG in einer Fehldeutung, Instrumentalisierung und Zweckentfremdung kirchlicher Lehren…“ manifestieren.

In der Folge des Visitationsberichtes wurde die IG in München von Kardinal Marx am 20.11.2020 aufgelöst, nachdem dort zuvor bereits alle Mitglieder ausgetreten waren.

Hat sich somit das theologische Selbstverständnis der IG erübrigt?

Nach eigenen Angaben beabsichtigen weiterhin Personen, den an sie ergangenen Auftrag wachzuhalten und in einer anderen rechtlichen Form weiterzuführen. Laut „Herder-Korrespondenz“ sagte Ludwig Weimer am 25.9.2020 in einem Vortrag bei der Romtagung des Ratzinger-Schülerkreises, dass noch ein Gottesbeweis anzutreten sei. Es brauche „das originale Experiment mit einem Volk echter Jesusjünger[8]. Mir persönlich erscheint, dass Weimer hiermit weiterhin an dem Selbstverständnis der IG, das „Experiment Gottes mit der Kirche“ zu sein, festhält. Auch die Überschrift des drittletzten Beitrags unter der Rubrik „Aktuelles“ der Website des Lehrstuhls „Theologie des Volkes Gottes“ klingt für meine Ohren gewohnt kämpferisch: „Nicht wir haben die Wahrheit, die Wahrheit hat uns.“[9] Es handelt sich hier um die Überschrift zu einer Predigt zum Thomas v. Aquin-Fest am 26.01.2021 von Bischof Meier von Augsburg, die sich mit der „Wahrheit“ beschäftigt. In diesem beschreibt Bischof Meier u.a., die Wahrheit basiere „…auf der Bereitschaft, zu lernen und dem Willen, sich selbst zu korrigieren […] „Ich muss mich ihr stellen.“[10] In diesem Sinne wäre Wahrheit nicht ein einfacher Besitz, sondern muss durch Lernen, Reflexion und Bereitschaft zur Selbstkorrektur erlangt werden. Ob die Personen, welche die IG unter einem neuen Namen unter neuen rechtlichen Bedingungen weiterführen, diese Einsicht teilen und auch kritische Stimmen wie z.B. den Visitationsbericht oder Stimmen von Ex-IG-lern anhören und reflektieren wollen, wird sich zeigen. Im Visitationsbericht unter der Rubrik „Kompromisslose Ausgrenzung von Kritikerinnen und Kritikern“ wird von einer absoluten „Intoleranz gegenüber jeder Kritik übenden Person in den eigenen Reihen[11] berichtet, die durchgängig zu beobachten sei. Von der KIG wurde Versöhnungsbereitschaft zwar wiederholt betont, „allerdings in konkreten Konflikten sehr einseitig praktiziert, nämlich nur dann, wenn ihre Forderungen und Bedingungen uneingeschränkt erfüllt wurden.“[12]

Im Jahr 1981 stellte sich die IG folgender Frage „Was wird von der Integrierten Gemeinde bleiben?[13] um für sich zu antworten: „Nichts wird von ihr bleiben als eine große Enttäuschung, wenn es ihr nicht gelingt, das Bleibende und Neuentdeckte in die Kirche einzupflanzen.[14] 

 

 

 


 

[1] Vgl.https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2020/11-2020/der-gottesbeweis-die-fragwuerdigen-praktiken-der-integrierten-gemeinde-und-die-nachsicht-der-kirche/

[2] https://www.popolodidio.org/lehrstuhl aufgerufen am 15.5.2021

[3] https://www.popolodidio.org/lehrstuhl aufgerufen am 15.5.2021

[4] .https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2020/11-2020/der-gottesbeweis-die-fragwuerdigen-praktiken-der-integrierten-gemeinde-und-die-nachsicht-der-kirche/

[5] .https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2020/11-2020/der-gottesbeweis-die-fragwuerdigen-praktiken-der-integrierten-gemeinde-und-die-nachsicht-der-kirche/

[6] .https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2020/11-2020/der-gottesbeweis-die-fragwuerdigen-praktiken-der-integrierten-gemeinde-und-die-nachsicht-der-kirche/

[7] https://www.erzbistum-muenchen.de/cms-media/media-52305220.pdf, aufgerufen am 15.5.2021

[8] .https://www.herder.de/hk/hefte/archiv/2020/11-2020/der-gottesbeweis-die-fragwuerdigen-praktiken-der-integrierten-gemeinde-und-die-nachsicht-der-kirche/

[9] https://www.popolodidio.org/nicht-wir-haben-die-wahrheit-die-wahrheit-hat-uns aufgerufen am 15.5.2021

[10] https://www.popolodidio.org/wp-content/uploads/2021/04/Bischof-B.Meier_Wahrheit.pdf aufgerufen am 15.5.2021

[11] https://www.erzbistum-muenchen.de/cms-media/media-52305220.pdf, S. 2, abgerufen am 15.5.2021

[12] https://www.erzbistum-muenchen.de/cms-media/media-52305220.pdf, S. 3, abgerufen am 15.5.2021

[13] Handbüchlein für Christen. (Erster Entwurf). Gesamtherstellung: Integrierte Gemeinde. München: o.J. (ca. 1981)

[14] Handbüchlein für Christen. (Erster Entwurf). Gesamtherstellung: Integrierte Gemeinde. München: o.J. (ca. 1981)

Wichtige
Theologen

Insbesondere vier Theologen prägten die Theologie der Integrierten Gemeinde.