Brief für das 1. Treffen am 4.12.2016

Vgl. den Bericht: „Der Weg zur Visitation“

gekürzt und anonymisiert

 

Treffen ehemaliger Mitglieder der Katholischen Integrierten Gemeinde (KIG)

im Exerzitienhaus Fürstenried

am 2. Advent, 4.12.2016

 

1. Rückblick

Im Rückblick auf das letzte Jahr stellen wir fest, dass wir uns sehr um eine Verständigung mit der KIG bemüht haben:

  • Wir gingen selbstverständlich davon aus, dass unsere Mutter und Schwiegermutter auf dem Gräberfeld der KIG neben ihrem Ehemann beerdigt werden würde, wie sie selbst dies gewünscht hatte: Mit Hilfe eines Vermittlers/Mediators wollten wir in Ruhe mit Vertretern der KIG darüber sprechen und uns darüber abstimmen.
  • Wir regten die Einrichtung eines Forums an, an das sich Personen wenden könnten, die ihre leidvolle Geschichte mit der KIG aufarbeiten möchten,
  • und wir wollten gerne mit den Verantwortlichen der heutigen KIG über den Umgang mit der gemeinsamen Geschichte, dem geistlichen Erbe der KIG sprechen.

All dies wurde abgelehnt, es schien nichts voranzugehen.

Aber, was ist denn nun wirklich geschehen?

Papst Franziskus hatte das Jahr der Barmherzigkeit vom 8.12.2015 bis zum 20.11.2016 ausgerufen:

Am 29.7.2016 starb unsere Mutter und Schwiegermutter am Tag der heiligen Marta. Am gleichen Tag war Papst Franziskus in Auschwitz und betete schweigend.

Kein einziges Gespräch mit der KIG fand statt, aber es glückte noch eine Vergebung zwischen X. X. und X.X. X.Y. nannte dies ein „kleines Wunder“, so auch die Vergebung, die schon zwischen X.X. und X.X. kurz vor dessen Tod in Rom stattgefunden hatte.

Unsere Mutter / Schwiegermutter wurde in einem Grab außerhalb des Gräberfeldes der von ihr initiierten Gemeinschaft beerdigt, ein öffentliches Zeichen der Spaltung unserer Familie. Die Vorgänge um die Beerdigung ließen jedoch X.X. hellhörig werden und er schrieb einen öffentlichen Brief. In dessen Folge geschah Friederikes und meine Bitte um Vergebung an X.X., seine sehr bewegende Antwort und eine erste, neue Kontaktaufnahme mit Euch allen, so dass wir nun hier sitzen: Eigentlich auch ein „kleines Wunder“.

Wir freuten uns und fühlten uns getröstet, dass Herr Domkapitular X.X. als Vertreter der Diözese München zum Requiem dazukam. Er war in der Folge bereit, heute ebenfalls mit seiner Mitarbeiterin X.X. hierher zukommen, wofür wir sehr danken: Zu einem Gespräch ehemaliger Mitglieder der KIG untereinander im geschützten und doch öffentlichen Licht der Diözese München.

Wir durften Zeugen sein von Gottes Barmherzigkeit, die Vergebung und Versöhnung unter uns Menschen bewirken möchte: Das ist für uns das Eigentliche, was in diesem Jahr geschehen ist.

 

2. Wie sehen wir heute unsere Geschichte mir der KIG?

Wir erkennen den „goldenen Faden“ unserer persönlichen Geschichte mit der KIG, der etwas Lebendiges war, fast wie ein Atem, eine Bewegung des Geistes, die uns über lange Jahre mitnahm:

Wir selbst haben die Gewissheit, dass die Geschichte der KIG mit Gott zu tun hatte: Wir glauben, dass der Impetus, der sie ins Leben rief, von Gott gefügt war.

Wir glauben auch, dass dieser Impetus heute an verschiedenen Orten, von vielen Personen in gleicher Weise weitergetragen wird und weiter wirkt, auch wenn diese Personen, aus welchen Gründen auch immer, heute nicht mehr zur KIG gehören. Sie sind im gleichen Maße von Gott geführt und gehalten. So wie sie als katholische Christen an ihrem neu gefundenen Ort leben.

Seit 2009 gehören wir nicht mehr zur KIG und der Weg seither war nicht leicht.

Wir haben das seelsorgliche Gespräch, die geistliche Begleitung (nicht zuletzt durch Don Wilfried Hagemann), die regelmäßige Teilnahme an den Gottesdiensten und am Gebet der Kirche, die Teilnahme an den Sakramenten und zu unserer Überraschung besonders das Sakrament der Beichte als grundlegend auf diesem Heilungsweg erlebt.

Nachdem wir vor Gott im Sakrament der Beichte um Vergebung für unsere Fehlungen die Euch betreffen gebeten haben, möchten wir Euch hier Anwesenden, um Vergebung bitten für unser Schweigen in Momenten, in denen Euch Unrecht geschah, und da wo wir, im Wesentlichen indirekt beteiligt waren.

Wir möchten nun über unsere verstorbenen Eltern, X.X. sowie X.X. sprechen: Als schwache, sündige Menschen haben sie, so wie die Sachlage sich für uns darstellt, Euch, willentlich oder nicht, schwer verletzt. Dies heute vor Euch anzuerkennen, erschien uns not – wendig. Wir wollen für sie beten und möchten Gott um barmherzige Beurteilung ihrer Schuld bitten.

Die Briefe und Berichte von Euch, X., X. und X, und auch von anderen, z.B. wie der von X.X., haben uns sehr erschüttert und haben in uns auch Verdrängtes wachgerufen. Durch diese Briefe und die darin berichteten, sehr schwerwiegenden Vorfälle haben wir erkannt, dass die heute, nun ausgesprochene Bitte um Vergebung für die eigenen Fehler und die Anerkennung der Fehler unserer Eltern nicht ausreicht. Wir erkennen, dass die Stunde gekommen ist, dass die dunkle Seite der Geschichte der Katholischen Integrierten Gemeinde, in einem öffentlichen aber doch kirchlich geschützten Rahmen bearbeitet und bedacht werden sollte, dies sind auch keine Einzelfälle mehr, es sind zu viele. Geschehenes und erlittenes Unrecht muss geprüft und evtl. als solches benannt werden, und es sollte, wenn gerechtfertigt, zumindest eine moralische Pflicht zur Genugtuung / Wiedergutmachung ausgesprochen werden. Zu unserem Entsetzen und voller Scham sind wir dabei an die Situation der Legionäre Christi vor einigen Jahren erinnert und glauben, dass ein ähnlicher Schritt zur Reinigung nötig ist.

Es geht dabei nicht darum, die gegenwärtige KIG schlecht zu machen, sondern es geht darum, uns der gemeinsamen Geschichte auch in ihren Abgründen zu stellen.

Wir möchten nun alle Anwesenden bitten, ohne Scheu zu sagen, was sie auf dem Herzen haben.

 

3. Unser gegenwärtiger Erkenntnisstand bezüglich der Schattenseiten
3.1. Die „Vergemeindlichung“ des Opfertodes Christi und seiner Auferstehung

Kardinal Kurt Koch hielt im Jahr 2010 in Castel Gandolfo zwei Vorträge über das Zweite Vatikanische Konzil vor dem Ratzinger Schülerkreis, in welchem er sich unter anderem mit dem Phänomen „Gemeinde“ in der Kirche auseinandersetzte. Durch eine glückliche Fügung erhielten wir damals eine Kopie des Originalvortrages: Uns blieb der Atem stehen vor Aufregung, hier lasen wir in theologischem Denken, was wir an Fehlentwicklung selbst erlebt, ja sogar mitgetragen und vertreten hatten!

So stand die Gemeinde als lebendiger Leib Christi im überbetonten Mittelpunkt, daraus kam u.a. die starke Tendenz, im Grunde eine Nebenkirche entstehen zu lassen.

Die fälschlich als „Gottesfurcht“ vorgestellte „Angst vor der Versammlung“, der brüderlichen Zurechtweisung, mit verheerenden Wirkungen auf Psyche und Seele, die „Gottesurteile“ einer sich selbst total überfordernden Versammlung.

Kardinal Koch benannte es als eine Abwertung der Eucharistie als symbolische Mahlgemeinschaft einer Tatengemeinschaft.

2012 wurden die Vorträge in wissenschaftlicher Form, in dem Buch „Das Zweite Vatikanische Konzil, die Hermeneutik der Reform“ veröffentlicht.

Hier zwei Zitate daraus:

„Die weitgehende Verabschiedung des Opfergedankens und die Konzentration auf den Mahlcharakter der Eucharistie in der Nachkonzilszeit haben ihren Grund darin, dass das Mahl auf eine konkret versammelte Gemeinschaft am Ort fokussiert werden kann, waehrend der Opfergedanke in sich selbst die Tendenz hat, ins Universale hinauszuweisen. Die Vergemeindlichung der Eucharistie als Mahlgemeinschaft hat aber diesen universalen Horizont verdunkelt und der Vergessenheit anheim gegeben.“  5.92

„Eng mit der Vergemeindlichung der Liturgie nach dem Konzil zusammen haengt auch die starke Betonung des Partizipationsgedankens, der weitgehend den der Anbetung abgelöst hat; Nicola Bux spricht sogar von einer „scissione tra partecipazione e devozione“. Zumeist wurde in der Anbetung ein Gegensatz zum Mahlcharakter der Eucharistie gesehen und mit dem oberflaechlichen Argument zu begründen versucht, das Brot sei zum Essen und nicht zum Anbeten da.“ 5.93

3.2. Das Fehlen des Sakraments der Beichte

Leider lebte die Gemeinde Beichte und Buße nicht. Dieses Sakrament, soweit wir es erlebt haben, blieb ihr verschlossen. (wenn auch wir natürlich nicht wissen können, wer „privat“ beichten ging: meine, Friederikes Mutter, ging seit ihrer Hochzeit 1963 erstmals wieder beichten, als sie 2010 mit meinem Vater bei uns in Rom angekommen war)

Die Gemeindeversammlung als „Beicht-Ersatz“ führte unserer Ansicht nach zu schweren Fehlentwicklungen. Es entstanden tiefe Ängste, Aggressionen und Abhängigkeiten. Die Privatsphäre des Einzelnen wurde oft schwer verletzt. Menschen setzten sich innerhalb eines gruppendynamischen als pfingstliche Versammlung verkleideten Vorgangs an Stelle Christi. Die Ausbildung des persönlichen Gewissens als Ort des „Hörens des Willens Gottes“ wurde unterdrückt beziehungsweise nicht geformt oder als egoistische Anmaßung selbst zu wissen, was Gott von einem will interpretiert. Als ich, Tobias, 2007 erstmals seit der Kindheit wieder zur Beichte ging, erschrak ich zutiefst: ich war mir keiner Sünde bewusst, ich fühlte mich im Grunde sündenfrei, ich wusste eigentlich nicht, wo ich im konkreten Alltag sündigte, alles war erklärbar und entschuldbar. Als ich, Friederike, im Rahmen der Erstkommunion unseres ältesten Sohnes Josua erstmals nach meiner eigenen Erstkommunion in Freiburg im Breisgau mit großer Angst und Unsicherheit beichten ging, fiel eine große Last von meiner Seele und ein langer Weg der Entfachung der Sehnsucht nach diesem Sakrament begann. Unsere eigenen Kinder hatten uns gleichsam diesen neuen Weg geschenkt.

 

4. Charisma und Berufung des Einzelnen und im Rahmen einer Ehe und Familie

Die theologische Unklarheit in diesem Bereich ließ es zu, dass Ehepaare als unterschiedlich in ihrer Berufung und ihrem Charisma eingeordnet wurden, was dem Sakrament der Ehe entgegenstand und zu großen Schuldgefühlen, Zwangssituationen und Unglück führte.

A) Das betraf sehr viele Ehepaare, insbesondere die, die als Paar zur Gemeinde kamen. Leider kann ich (Tobias) mich insbesondere an einen Fall (x.x.) entsinnen, wo meine Mutter darüber nachdachte, ob sie denn nicht dem Ehemann, der angeblich mehr von der Gemeinde verstanden hatte, raten solle, sich von seiner Frau zu trennen. Ich kann mich noch an mein inneres Aufschreien und nicht Verstehen entsinnen, habe aber geschwiegen, in der Hoffnung, dass nichts dieser Art passieren würde. Es ist mir nicht klar, ob es in anderen Fällen dazu gekommen ist. Was jedoch häufig vorkam, war, dass Ehepaare in unterschiedlichen Zugehörigkeitsstufen (Freund und Mitglied, Angehöriger oder Freund) oder ähnlich eingeordnet worden waren, oft, ohne dass sie davon informiert worden waren, so zum Beispiel bei Friederike und mir. Wir haben in unserer eigenen Ehe festgestellt, dass dies zu großen Spannungen, Missverständnissen und schmerzhaften Situationen führte. Heute bin ich überzeugt, dass diese Trennung theologisch falsch ist: da das Ehepaar durch das Sakrament „ein Fleisch“ wurde, kann es von daher nur eine gemeinsame Berufung haben.

Die Kriterien für derartige Einordnungen waren immer recht vage und sehr subjektiv. Im Wesentlichen wurden sie von einer kleinen Gruppe um meine Mutter festgelegt, die oftmals überhaupt nicht mit den betroffenen Personen redete. Die Vielgestalt und gleichzeitig Individualität im Volk Gottes sollte widergespiegelt werden, konkret bestand aber stets die Gefahr des religiösen Machtmissbrauches.

B) Gesondert müsste man hier über Charisma und Berufung der Gründerpersönlichkeiten sprechen. Die KIG war vielleicht eine der ersten und größten Neuaufbrüche in der katholischen Kirche, bei denen das Gründungscharisma einem Ehepaar geschenkt worden war. Daher waren die konkreten Folgen und auch die Probleme, die sich aus dieser Konstellation ergeben konnten, noch niemandem bewusst. So fehlt in den Statuten von 1978 in Paderborn und München und in allen folgenden Statuten jeder Hinweis auf diese Problematik.

Es ist durchaus so, dass die Statuten in den einzelnen Diözesen sowohl in Deutschland wie auch in den anderen Ländern unterschiedlich sind, gerade auch was die Zugehörigkeitsformen betrifft. Da gibt es Diözesen mit drei und andere mit zwei Zugehörigkeitsformen. Dies spiegelte sozusagen den aktuellen Stand der Überlegungen wieder. Aber nirgendwo wird die Problematik des Gründerehepaares und dessen Kinder thematisiert.

Wann hätte unsere Mutter/Schwiegermutter eigentlich die „Zügel“ aus der Hand geben sollen, um das „Tagesgeschäft“ einem gewählten Nachfolger zu übergeben?

Vielleicht wäre der plötzliche Tod ihres Mannes 1997 der richtige und endgültige Moment des Rücktritts gewesen, da ihnen das Charisma gemeinsam geschenkt worden war?

Wäre es nicht schon 1982, als sich unser Vater/Schwiegervater freiwillig nach Bad Tölz zurückzog, dringend nötig gewesen, – auch in der Gemeindeleitung eine grundlegende Änderung herbeizuführen, und nicht nur bezüglich der finanziellen Angelegenheiten, wie es damals geschah?

C) In den Statuten fehlt entsprechend ein Hinweis auf die besondere Rolle der Kinder des Gründungsehepaares:

Die leiblichen Kinder der Familie Wallbrecher wurden als Erben angesehen und entsprechend überfordert: Von unserer Mutter / Schwiegermutter, von den anderen Mitgliedern und von ihnen selbst. Aber das Charisma der Eltern wird nicht „vererbt“!

Hierüber müsste man noch viel nachdenken und theologisch nacharbeiten, dies sind nur erste Hinweise.

 

5. Unsere Einsicht

Wir beide sind aus verschiedenen Gründen, vor allem aber aufgrund der Reaktion unserer drei Kinder, zu folgender Einsicht gekommen: Wir können die Verantwortung für das, was sich aus diesem heutigen Treffen ergeben wird, nicht weitertragen. Wir sind sicher, dass die Verantwortung dafür in Euren und Ihren Händen und Herzen am richtigen Ort ist. Viel zu lange stand unsere Familie in einem fatalen Mittelpunkt, sprich das „Wallbrecher Syndrom“: Auch da die KIG die gegenwärtige Situation wohl vor allem als „Bruderzwist und Familienstreit“ einstuft, ist es besser, wenn wir in Zukunft nicht in vorderster Front stehen.

So spüren wir, dass wir diese notwendige Klärung und, wo immer noch möglich, die Heilung des Unheils aus der KIG Geschichte nur anregen und danach zunächst vor allem nur aus der Ferne, bzw. aus der zweiten Reihe unterstützen können.

Mit unserer Hochzeit wanderten wir vor 20 Jahren nach Italien aus: wir sind heute noch mehr als damals davon überzeugt, dass Gott uns mit einem besonderen Auftrag dorthin nach Rom geführt hat:

„Ebrei e Cristiani: Ricordiamo insieme“. Juden und Christen: erinnern wir uns gemeinsam

Dies war eines der Hauptanliegen unserer Eltern im Rahmen der KIG, und es bleibt auch weiterhin eine ganz große Aufgabe, an der wir uns weiter beteiligen möchten.

 

Friederike und Tobias Wallbrecher    Rom, den 4.12.2016

 

Via Domenico Silveri 30, I-00165 Roma

mail: <frito@centropa.net>