Erster Brief an Kardinal Marx

Herrn Erzbischof

Reinhard Kardinal Marx

Postfach 33 03 60

80063 München

 

Bitte um klare Worte der Kirche zur Aufarbeitung des durch die KIG verursachten Geistlichen Missbrauchs und die heutige Rolle ihrer Priester

 

                                                                           Neubiberg, den 17.6.2021

Sehr geehrter Herr Kardinal Marx,

ich war beeindruckt von Ihrem Schritt, Ihren Rücktritt anzubieten – aber mindestens genauso gut und wegweisend fand ich die Antwort des Papstes.

Angesichts Ihrer Worte, dass Sie wirklich neue Wege suchen wollen wende ich mich an Sie in der großen Hoffnung, dass Sie diese Zeilen lesen, mir vielleicht antworten und sogar Schlüsse daraus ziehen mögen, Konsequenzen ziehen.

Ich kam als zweijähriges Kind in die Katholische Integrierte Gemeinde und wuchs dort auf, nahm mich stets als ein Gemeindekind wahr. Im Alter von 27 Jahren musste ich diese verlassen mit allen Konsequenzen (siehe Visitationsbericht), weil ich eine Familie gründen wollte, die so aus KIG-Sicht nicht erlaubt war. Dann war ich aber immer noch nicht „frei“, sondern innerlich stets an die KIG gebunden, man mag das Gehirnwäsche nennen. Aber eigentlich musste mein Gehirn ja nicht „gewaschen“ werden, sondern es wurde von klein auf mit/nach gemeindlichen Ideen gebildet. Als ich 43 Jahre alt war, ist mein ganzes inneres System kollabiert – eine Posttraumatische Belastungsstörung brach aus, mit der ich jetzt seit neun Jahren kämpfe: Arbeitsunfähigkeit, Therapie, drei lange Aufenthalte in einer Traumaklinik, weitere, rein lebensrettende, in Psychiatrien, zwei Selbstmordversuche. Infolgedessen leiden auch meine Kinder und mein Mann schwerst an meinem Aufwachsen in der KIG. Und: ich stehe nicht alleine da! Es gibt viele schwer Geschädigte in verschiedensten Formen! 

Nicht nur mein größter Wunsch ist eine kirchliche Aufarbeitung des Geschehenen. Klare Worte Ihrerseits dazu sind von großer Bedeutung  insbesondere im Hinblick auf die in der KIG Aufgewachsenen. Wir haben uns dieses Leben nicht ausgesucht – unsere Eltern dachten gutgläubig, diese sei katholisch und übergaben uns der „Neuen Familie“ in der KIG, mit oft gravierenden Folgen.

Und weil es zu diesem Thema heute am 17.6.21 Berichte zu lesen gab, ist es mir wichtig, obwohl mir dieser Hinweis sehr unangenehm ist, Ihnen auch dieses mitzuteilen: Mit 16 Jahren wurde ich mehrfach vergewaltigt, von einem KIG-Bewerber. Die Türen in den Integrationshäusern standen quasi offen, es gab keine Zimmerschlüssel; nichts einfacher als nachts aufzukreuzen und sich zu nehmen was man mag.

Darüber hinaus fände ich ein Gespräch Ihrerseits mit den Priestern der Ex-KIG wichtig: Ich habe gehört, dass z.B. noch vier davon in der Pfarrseelsorge und im Offizialat des  Bistums Augsburg arbeiten, ich weiß nicht, wie es im Bistum München-Freising ist. Verstehen diese für die Kirche als Priester Tätigen, welche Verfehlungen in der KIG passiert sind? Wie positionieren sie sich heute dazu? Was lehren sie heute?

Ich habe – im Wunsch nach Aufarbeitung – selbst eine Website für Ex-KIG-ler erstellt – vielleicht mögen Sie dort mal hineinschauen: https://www.exigler.de/

Ich grüße Sie sehr herzlich!