Wie umgehen mit unserer Vergangenheit

An all die Lieben,

die ihr Leben in der IG teilten und heute nicht mehr der Ansicht sind, dass sie das „Gelbe vom Ei“ war.

Es besteht ja vielseitig der Wunsch, ins Gespräch zu kommen, von diversen Seiten her und es geschieht und geschah in verschiedensten Konstellationen.

Eine Thematik, die mir gerade wirklich sehr vielfältig von vielen Richtungen her entgegenkommt, ist Folgende: Wir haben früher sehr intensiv zusammen gelebt und haben daher viele, auch schlimme Erinnerungen. Wir fanden es z.B. „normal“ dass in Versammlungen etc. Böses gesagt wird, denn das geschah ja ständig. Man „gewöhnt“ sich dran, wie besagter Frosch im Wasser, das langsam erhitzt wird. Ich z.B. hatte das Gefühl, das alles auszuhalten wäre gewissermaßen nötig um den eigenen Glauben zu beweisen. So wie wir es selbst erfahren haben, gingen wir dann auch mit anderen um, nicht bemerkend, welch tiefe Kerben wir in die Herzen wiederum anderer schlugen.

Wenn ich heute z.B. erfreut der Person a von Person b erzähle, was ich mit dieser erlebt habe, kann locker der Person a ein Schrecken in die Knochen fahren: Ohweia, Person b verhielt sich früher sehr schlimm mir gegenüber bzw. ich habe mit Schrecken erlebt, mitangesehen (und nicht interveniert), was sie anderen angetan hat. Das war sicher auch so gewesen. Vielleicht ist Person b das noch gar nicht aufgefallen – vielleicht schon – vielleicht schämt sie sich sogar dafür? Man weiß es nicht.

Was mir auch häufig begegnet ist die „Sippenhaft“- Denk- und in-Schrecken-Fall-Weise, in der IG stets praktiziert und gut verinnerlicht. Ich glaube, wir alle dürfen uns davon frei machen.

Eine Steigerung gibt’s hier noch, wenn der Nachname Wallbrecher vorhanden ist – da finden sich verschiedenste Denk- und Angstmuster, was für manche Wallbrechers wirklich sehr unangenehm ist.

Dazu kommen die früheren, alten Lügen, die in vielen Herzen noch zumindest ein Fragezeichen hinterlassen haben, wenn nicht sogar mehr. Was aber wirklich dahinter stand, wissen wir oft nicht.

Um sich einer Person im Gespräch verständlich zu machen, warum wir gerade mit einer anderen Person nicht klar kommen, werden die alten Geschichten wieder erzählt, weiterverbreitet – aber auf diese Weise nicht geheilt.

Meistens wissen wir gar nicht, wie diese Person, von der man damals Schlimmes erfahren hat, heute wirklich ist. Um das herauszufinden müsste man wohl in ein Gespräch treten. Und wieder so verständlich: Nicht jedem ist dieses Gespräch gerade möglich, jeder muss mit seinen Kräften haushalten, sich davor schützen, dass er überschwemmt wird mit Altem und ihm darüber die Luft ausgeht. Manche alte Konflikte waren auch so heftig und vielschichtig, dass die Betroffenen dies vielleicht nicht selber lösen können. Wenn Aussage gegen Aussage steht – wer hat „Recht“? Ist „Recht“ haben alleine ein Schritt richtung Heilung?

Ich möchte dies gerne mit Euch teilen, weil es mich wirklich traurig macht und ich Euch fragen möchte, wie wir es schaffen könnten, aus diesen unheilvollen alten Verstrickungen herauszufinden. Ich schreibe das gewiss auch nicht als Anklage gegen diejenigen, die Solches in sich tragen, ich selbst bin ja auch nicht anders. Ich persönlich sehe im Moment nur eine Möglichkeit: Dass sich jeder wirklich an diejenigen wendet, von denen er sich verletzt fühlt (sofern diese Person nicht gerade bei denen ist, welche die IG noch verteidigen – da wird man wohl auf taube Ohren stoßen). Wenn einem einfällt, wen er verletzt haben könnte, wäre ein Austausch das Naheliegendste. Wer oder was aber könnte denjenigen helfen, wo Meinung gegen Meinung steht?  Vielleicht gibt es ja gute Ideen wie wir das ein wenig auflösen können?

Gudrun Mann

Liebe Gudrun,

hab ganz herzlichen Dank für Deine starken und nachdenklichen Brief, wo Du um Rat bittest , was zu tun sein könnte, um heute endlich die Herrschaft des alten Narrativs der IG zu brechen, mit dem wir viele Personen immer noch wie durch einen Filter wahrnehmen, obwohl wir alle längst wissen, dass Wahrheit nicht die Richtschnur dieses Narrativs war, d.h. der vielen verschiedenen Erzählungen über jeden einzelnen von uns, ganz im Gegenteil.
 
Ich weiß es nicht, aber sehe das Problem wie Du, und denke, dass es nur von Fall zu Fall  und von Person zu Person anzusprechen  und langsam, langsam  aber nie allgemein zu lösen ist, weil sich ja auch ungeheuer viel Scham bei jeder einzelnen Person darüber angehäuft hat, dass wir in dieses Netzwerk von Fallen hineingestolpert sind. Und dass wir uns auf Urteile der IG verlassen haben, die wir weder selbst gefällt, noch jemals gründlich überprüft haben. Dazu hat im Grunde ja auch keiner Zeit noch die Möglichkeit. Deshalb werden wir zu unserer Lebzeit diese vielen Urteile auch nie alle revidiert bekommen.
Wichtig scheint mir aber, sich der Erkenntnis zu stellen, dass wir in der IG in ein System geraten sind, in  dem wir alle, ohne es zu wollen, zu Opfern und zu Tätern gleichzeitig geworden sind. Und das deshalb die Grundvoraussetzung jeder neuen Begegnung untereinander ein bedingungsloses Vergeben sein muss, sonst bleibt alles aussichtslos und fast sinnlos.
 
Herzlich aus den Abruzzen mit einem Chor von Zikaden um uns herum
Dein
Paul (Badde)

Meinung gegen Meinung

– da kommt mir folgender Gedanke: Es geht hier weniger um Meinung als um Erlebtes gegen Erlebtes, Wahrnehmung gegen Wahrnehmung. Um hier zueinander zu finden braucht es meiner Erfahrung nach Einiges und es ist ein Wahnsinnsweg, aber ich weiß auch, dass es sich mehr als lohnt, wenn es gelingt:

  1. Den Willen/tiefen Wunsch, dem anderen zu begegnen, weil die Hoffnung besteht, dass sich dadurch etwas lösen kann. Dieser Wunsch muss stärker sein als der Schmerz und die Angst, die uns davon abhalten wollen.
  2. Das Vertrauen in sich selbst, dass man mit dem Schmerz umgehen will und kann, der dadurch wachgerüttelt wird.
  3. Die Bereitschaft Empathie zu schenken und zu empfangen. Müssen wir unsere Gefühle und unsere Wahrnehmung vor dem anderen mit Fakten und Daten belegen, so verschlimmert das den Schmerz und die Wunden. Es ist ein Kampf. Wenn wir uns nicht auf logischer Ebene, sondern auf der viel tiefer gehenden Ebene des Mitgefühls begegnen, dann erst fühlen wir uns angenommen, gesehen und gehört. Und erst wenn sich das Gegenüber angenommen, gesehen und gehört fühlt, kann es die Verteidigung ablegen und ehrlich sein.

Wie groß ist der Schmerz, wenn man unter anderen gelitten hat? Wie groß muss der Schmerz sein, wenn man empfindet, dass ein anderer Mensch gelitten hat, und man (wissentlich oder unwissentlich) Teil dieses Leids war?

Ich glaube in wirklich „schweren“ Fällen ist es eine große Hilfe, jemanden dabei zu haben, der vermitteln kann.

… das nur als kleiner Auszug aus meinem Kopf.

und eine Buchempfehlung dazu vielleicht: Den Schmerz überwinden, der zwischen uns steht: Wie Heilung und Versöhnung gelingen von M. B. Rosenberg

Reflexion von Rosa Buchalik

Liebe Gudrun,

danke für deinen lieben Brief!

Du sorgst dich wirklich sehr um alle, und wir finden deine Gedanken sehr verständlich.

Wir freuen uns immer, wenn wir Personen von der früheren IG treffen, zufällig oder wie am Samstag geplant. Es ist schön, zu sehen, dass wir auf einem gemeinsamen Fundament stehen, an das wir scheinbar ohne große Schwierigkeiten anknüpfen können.

Wir beide sind in der IG aufgewachsen und arbeiten vieles unter uns auf, indem wir immer wieder – auch selbstkritisch – über unsere Geschichte in der IG reden. Wir sehen, dass in unserem jetzigen Umfeld die Freunde aus der Kindheit und Jugend fehlen und möchten diese Kontakte gerne erhalten oder wieder aufgreifen. Deshalb haben wir am Samstag diese Einladung machen wollen. Natürlich spricht man bei solchen Gelegenheiten – vor allem, wenn man sich lange nicht gesehen hat – auch über gemeindliche Erfahrungen. Für uns ist das aber nicht unser zentrales Anliegen. Wir suchen auch keinen neuen gemeindlichen Zusammenhang, auch nicht in Form von Vergangenheitsbewältigung. Das geht anderen vielleicht anders. Jeder steht da wahrscheinlich an einem anderen Punkt.

Wir fühlen uns inzwischen nicht mehr durch unsere (Ex-)Gemeindezugehörigkeit definiert. Wir sind einen großen Lebensabschnitt abseits der Gemeinde gegangen und der war in unserem Fall sehr gut.

Wir grüßen dich ganz herzlich,

Anonym

 

 

Liebe Gudrun,

jetzt ist es mir wichtig, dir noch persönlich zu schreiben. Du hattest mit deinem Brief angesprochen und gefragt, wie man es denn schaffen könnte, die unterschiedlichen, teilweise so verstrittenen oder verletzten Parteien an einen Tisch zu bekommen, sodass ein Gespräch und Heilung entsteht.

Gleichzeitig habe ich wahrgenommen, dass das nicht alles ist. Ich hatte das Gefühl, dass du auch damit kämpfst und schwer daran zu knabbern hast, wie DU damit umgehen sollst, wenn du damit konfrontiert wirst. Kann es sein, dass du dir da manchmal wie zwischen zwei Stühlen vorkommst? Dass du einen ganz tiefen Wunsch nach Klärung und Heilung hast, und es dich sehr schmerzt, wenn du bei anderen siehst, wie sie da (auch) nicht hin kommen? Wie sie leiden und du nicht weißt, was du tun kannst, um zu helfen? Das sind jetzt alles nur ganz vage Vermutungen und da spielt sicher viel von mir selbst mit – ich habe das nur deinen Zeilen entnommen, und wollte dich fragen, ob das denn so ist.

Meine Gedanken dazu wären folgende: Wenn jemand mit großem Leid auf uns zukommt, dass wir selbst vielleicht sogar auch in uns tragen, für das wir uns so sehr eine Lösung wünschen und für das wir vielleicht im Kleinen auch schon Lösung erfahren durften, dann sind wir oft wie versteinert. Denn der andere scheint unsere Zweifel und Ängste zu bestätigen. Plötzlich ist die Einsamkeit doppelt, der Schmerz größer… Wünsch ich mir doch so sehr, dass wenigstens der andere aus dem Loch kommt, wenn ich schon selbst nicht – oder vielleicht wir gemeinsam – endlich.
Und da vergessen wir ganz oft – weil wir so sehr in dem dicken und verworrenen Wollknäuel unserer Geschichte, unserer Erinnerungen und all dem stecken, dass es eine ganz wirkungsvolle Lösung für Schmerz gibt, die weder was mit der Vergangenheit noch mit der Zukunft zutun hat. Es ist Präsenz – jetzt da sein für mich und den, der mir gegenüber steht. Den Schmerz wahrnehmen. Du musst gar nichts lösen.

Stell dir vor, du sprichst mit jemandem, und der erzählt dir von einem Menschen, der dich verletzt hat. Und du beginnst, dein Leid mitzuteilen. Wäre es da nicht wunderbar, ja erleichternd, wenn dein Gegenüber dir seine volle Aufmerksamkeit schenkt, ganz bei dir und präsent ist, hört was du sagst? Nicht bestätigt im Sinne von „Ja genau, so ein böser Mensch. Ja da hast du Recht“ – uns geht es nicht ums Recht haben, uns geht es doch darum, dass wir angenommen sind, auch und sogar wenn irgendwelche Fakten gegen uns sprächen – denn wir FÜHLEN uns eben einfach so! Punkt!

Was ich damit ausdrücken will ist: Dass es mir selbst unfassbar geholfen hat, mich von dem Gedanken zu befreien, ich müsste als allererstes und möglichst schnell Lösungen finden für mein Leid und das anderer Menschen. Denn es hat mich frei gemacht, um einfach da zu sein und zuzuhören – um wirklich aufzunehmen, was bei dem anderen passiert – und jetzt kommt der springende Punkt. Dadurch hat sich zumeist schon unfassbar viel „gelöst“ – Schmerz, der gesehen, gefühlt und wirklich angenommen wird muss nicht mehr so hart pochen, kann uns nicht mehr von allen anderen trennen, denn es hat uns ja zumindest EINER so gesehen und angenommen. Der Blick kann sich etwas heben, die Angst wird ein Stückchen kleiner. Wir können mal Luft holen. Wir dürfen sein.

Ich weiß jetzt so überhaupt nicht, ob ich ansatzweise rüberbringen konnte, was ich ausdrücken möchte. Und was du davon für dich wahrnimmst, kann ich ja sowieso nicht lenken. Ich freue mich also sehr, wenn du mir antworten magst, und mir sagst, was du in meinen Gedanken gelesen hast und ob es überhaupt angeknüpft hat, mit dem, was dich beschäftigt.

Ich schicke dir ganz liebe Grüße und wünsche dir einen schönen Tag

Rosa (Buchalik)