Ich bin ein Gemeindekind

Grundlegende Erfahrungen

2 – 10 Jahre

Im Sommer 1971, ich war gerade zwei Jahre alt geworden, zogen meine Eltern gleichzeitig mit mehreren Österreichern nach München zur IG. Meine zwei Geschwister waren zu diesem Zeitpunkt sechs bzw. sieben Jahre alt. Sie haben ihre frühe Kindheit mit ihren Eltern und ihrer Familie verbracht, hatten also bereits eine Bindung zu ihren Eltern aufgebaut. Für mich war dieser Sommer wohl der erste große Bruch in der Beziehung zu meinen Eltern: Wir Kinder wurden wochenlang an verschiedenen Orten betreut, während „die Österreicher“ in Urfeld am Walchensee in das gemeindliche Leben eingewiesen wurden. In den folgenden Jahren sollte ich häufig umziehen, in immer wieder neue Konstellationen: Kindergruppen und –betreuer wechselten sich ab, manchmal lebte ich auch bei meinen Eltern. Mein Zuhause, mein Halt waren nicht meine Eltern sondern „die Gemeinde“ – ständig wechselnde Personen, Kinder und Integrationshäuser, nie wissend wie lange der momentane Lebenskontext Bestand halten würde und ob ich schuld an den Umzügen war – was sollte ich besser machen? Im Schnitt zog ich zweimal jährlich um und besuchte zwei verschiedene Schulen pro Grundschuljahr. Mit manchen Gleichaltrigen lebte ich öfters gemeinsam, sie waren die mir am nahestehendsten Personen. Meine Schwestern lebten ebenfalls in je unterschiedlichen Integrationshäusern, was dazu führte, dass ich mich nicht mit ihnen geschwisterlich verbunden fühlte. Sie gehörten für meine Vorstellungswelt „auch zur Gemeinde“.

Ich muss zugeben: Meine Eltern mochte ich nicht besonders. Eine meiner allerersten Erinnerungen zum Ende der Kindergartenzeit ist folgende: Ich wohnte gerade mit meinen Eltern in einer Kleinstadt, meine Mutter arbeitete in einer Bäckerei. Im Kindergarten schimpfte ich ausgiebig über meine Eltern, doch ein anderes Mädchen war die Tochter einer Kollegin meiner Mutter. Diese erzählte ihr brühwarm davon. Mittags kochte meine Mutter eines meiner Lieblingsessen (Zwetschgenknödel), ich spürte es schon in der Luft, aber erst nach dem Essen ging ein ausgiebiges Gewitter über mich hernieder…

Vielleicht weil mein Vater in Integrationshäusern seine jähzornige Art nicht so zeigte oder einfach weil ich es kaum anders kannte: Ich fand es gut, oft nicht bei meinen Eltern zu wohnen sondern ein Gemeindekind zu sein. Wir Gemeindekinder waren einfach besonders: Wir lebten unter uns, gingen meist in kleinen Grüppchen in irgendwelche Schulen, pflegten keine Kontakte zu Mitschülern oder zur Außenwelt, denn diese war, so dachte ich, nicht gut, irgendwie gefährlich. Die Kinder bekamen dort zu viele Süßigkeiten. Wir aber waren „Königskinder“, so nannte man uns gerne. Wir lebten am besten Ort der Welt, nur hier war alles gut. Wir waren auserwählt, das größte Glück der Erde zu sehen! Das war doch was! Ein Satz hat sich bei mir zutiefst eingeprägt: „Ganz oder gar nicht!“ Und wir lebten das „Ganz“, nur wir konnten das. Die Leute draußen konnten das nicht, und solange sie die IG nicht kennen gelernt hatten, war es auch nicht ihre Schuld. Wer aber die IG kannte und nicht sein „Ganz“ in der IG lebte, der war böse. Soweit meine kindliche Vorstellungswelt.

Nun gut, es gab auch Unannehmlichkeiten: Diese Sonntagskleidchen, die ich nicht mochte, oder wenn wir blumengeschmückt vor Altären sitzen mussten und stillhalten sollten, was ich einfach nicht konnte – danach gab es immer Ärger. Ja, und das mit dem Lächeln und Freundlichsein war auch nicht einfach: Ich schaute immer zu grantig durch die Welt und war missgelaunt, unverträglich und miesepetrig, obwohl ich doch Teil dieser wunderbaren Gemeinde war – auch das führte regelmäßig zu großem Ärger. Ich weiß noch genau, ich wollte brav sein, wollte alles richtig machen und schaffte es trotzdem nicht ausreichend. Heute vermute ich, dass mein Innerstes einfach nicht so glücklich sein konnte, wie es dachte sein zu müssen.

Ein eigenes Kapitel waren die Gästekinder: Ich als Gemeindekind sollte mich um sie kümmern, ich wusste ja, wie man sich zu benehmen hat, und das sollte ich ihnen zeigen, für sie da sein, dass sie alles richtig machen und darauf achten, dass es ihnen gut geht. Aber manche Gästekinder waren einfach nicht zu bremsen! Sie stellten schlimme Dinge an – und daran war dann ich schuld. Deswegen hatte ich immer Angst vor Gästekindern. Andererseits war ich manchmal auf sie neidisch: Wenn sie kamen, wurden oft tolle Aktionen gestartet, extra für die Gästekinder, schien mir. So lernte ich früh, für andere da zu sein und auf sie zu schauen.