Es ist zuviel

Alles für die Gemeinde

 

Ich möchte zuerst noch näher auf das System der Integrationshäuser eingehen. Nach den Studentenbewegungen um 1968 war eine geniale Idee, Integrationshäuser einzurichten. In München wurden Immobilien angemietet oder gekauft, später auch in anderen Städten. Sie wurden umgebaut und perfekt eingerichtet. Oft wohnten 14 oder 15 Personen unter der Leitung von sogenannten Integrationseltern zusammen, Jung und Alt, verheiratet, unverheiratet.

Es wurde ein gemeinsamer Haushalt geführt. Es fand sich immer eine Frau, die sich um alles kümmerte. Sie kochte, wusch die Wäsche, putzte mit Hilfe der Mitbewohner. Einige waren berufstätig, die meisten Familien gaben die Kinder in die Betreuung der Gemeinde und waren somit frei für die vorgegebenen Aktivitäten.

Unser Gemeindezentrum war anfangs in München in der Herzog-Heinrich-Straße. Dort wurden Gäste zu Vorträgen eingeladen. Jeden Freitagabend war die Gemeindeversammlung an der ich mich stets beteiligte – das stand für mich außer Frage. Jeden Samstag oder Sonntag fand ein Gottesdienst statt. Es hatte sich eine eigene Liturgie entwickelt mit einem gemeinsamen Mahl zum Ab­schluss.

Bereiche wie Medizin, Pädagogik, Kultur wurden übergeordnet erarbeitet. Es entstanden eigene Schulen, ein Gemeindezentrum in Tansania, ein Haus in Israel. Mitglieder der Gemeinde gründeten eine Apotheke, einen Verlag, eine eigene Druckerei, einige kleine Handwerksbetriebe, sogar eine eigene Bank für die Verwaltung der Gelder, die gebraucht wurden. Eine Welt für sich, die auch finanziert werden musste.

Und das ging, unter anderem so: Ich zahlte, wie viele andere Gemeindemitglieder auch, einen Gemeindebeitrag und gab alles ab, was ich erüb­rigen konnte. Fast alle Einkünfte und Erbschaften flossen der Gemeinde zu. Wir Mit­glieder wollten, dass die KIG wächst.

Ich war, wie meines Erachtens viele andere auch, zu jedem Opfer bereit. Kein Außenstehender konnte das verstehen. Ich hatte deshalb 30 Jahre lang keine Verbindung mehr zu meinen eigenen Verwandten. Freunde wurden nicht mehr besucht, es gab für mich außerhalb der Gemeinde nur dann Kontakte, wenn das für die Gemeinde nützlich war. Als Bruder und Schwester sah ich die anderen gläu­bigen Gemeindemitglieder an. Ich gehörte der KIG, nicht mehr mir selbst.

Ich erlebte immer wieder, wie Traudl Wallbrecher das biblische Schicksal von Ananias und Saphira aus der Apostelgeschichte, Kapitel 5, vorlas. Das Paar verkauft seinen Acker für die Mission der Apostel, behält aber heimlich einen Teil des Geldes für sich. Doch Petrus weiß davon und zürnt: „Warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den Heiligen Geist belügst“ (Apg 5,3). Und beide, Mann und Frau, sterben auf der Stelle, sie „geben den Geist auf“. Ein mächtiges Symbol. Ich hatte verstanden: Wer etwas Individuelles bean­spruchte, betrog die Gemeinde und damit Gott. Er wäre verloren. Ich wollte der Ge­meinde alles geben.

Es war mir unmöglich, in einem großen Integrationshaus zu leben, die Gemeinde mit aufzubauen und die eigene kleine Familie noch wahrzunehmen. Ich feierte die Neue Familie. Heimat war mir die Gemeinde mit dem Gottesdienst. Ich fügte mich, ließ mich einsetzen, wo man mich gerade brauchte. Wie oft musste ich umziehen, irgendwo ein­springen, andere Integrationshäuser betreuen? 50 oder 60 Mal? Ich kann es nicht zählen.

 

(ehemaliges Gemeindemitglied)

 

Vgl. Theorie zur „Integration“