Ich denke oft an Dich

Vor vielen, vielen Jahren hab ich Dich kurz kennen gelernt. Du warst damals ein kleiner Kindergartenbub, untergebracht in einer größeren Kindergruppe. Ich hab derzeit, ca. 20 Jahre alt, den Haushalt dort geführt.
Eines Tages hast Du aufgehört zu essen. Du hast einfach nichts mehr zu Dir genommen. 

Zuerst wurdest Du bestraft, indem Du ins Bett geschickt wurdest. Aber statt mit kindlichem Trotz reagiertest du ganz anders. Du legtest Deine Klamotten feinst säuberlich zusammengelegt auf das Stühlchen neben Deinem Bett, die Hausschuhe stelltest Du perfekt darunter und legtest Dich einfach folgsam ins Bett. So leise, so unwirklich kam mir das vor. Nachts geistertest Du dann durch die Wohnung. Also wurdest Du mit einem Schlafsack am Bett festgebunden. Trotz alledem hattest Du nicht vor zu essen. Hat sich Dein Hals wie zugeschnürt angefühlt oder wolltest Du einfach nicht mehr leben oder was war mit Dir? 

Es wurden weitere Methoden versucht, Nahrung und Nährstoffe in Dich hineinzubekommen. Ich glaube, am Besten ging es mit Kakao. Aber manchmal kam auch der Kakao in einem Schwall wieder raus, deshalb musste immer viel Zauber ums Essen gemacht werden. Ich glaube, Deine Eltern wurden eingeladen zum Gespräch – oder wurden sie ausgeladen? Ich weiß es nicht mehr. Irgendwie bekam man das „Problem wieder in den Griff“. Aber auch als Du schon seit zwei Wochen wieder gegessen hattest, war Dein Blutspiegel noch erschreckend schlecht.

Soweit meine Erinnerungen an Dich. Es beschäftigt mich momentan sehr. Warum ging es Dir so schlecht, dass Du als kleiner Bub nicht mehr essen wolltest oder konntest. Vor allem: Warum habe ich nicht laut aufgeschrien, nicht hinterfragt? Für mein damaliges Empfinden war das irgendwie nichts Erschreckendes, dass ein so kleines Kind nicht mehr isst. Erschien es mir absolut unwichtig, dass die Gefühle von Kindern (wie von Erwachsenen) einfach egal waren? Ich arbeite jetzt viel an mir, meine Gefühle wahrnehmen zu lernen und auch daran, diese Gefühle zu akzeptieren, ernst zu nehmen. Gefühle sind nicht egoistisch und böse, wenn sie nicht nur Gott und die Gemeinde betreffen, sondern auch ganz persönlich sind. Was war nur mit uns los, dass wir einen solchen Hilfeschrei des kleinen Kindergartenkindes, von Dir, nicht vernommen zu haben?!

Ich denke oft an Dich und wünsche Dir, dass Du heute Menschen triffst, die Dich in Deiner Person, als der Mensch, der Du bist, mit Deinen Gefühlen und Bedürfnissen, wahrnehmen.

 

Februar 2021